DIOGO SARDINHA und GUNTER GEBAUER
14. November  18:00 - 18:45

Die Epidemie als beschleunigte Produktion eines neuen Lebens
Diogo Sardinha

Im Gegensatz zu dem, was man denken könnte, ist die Pandemie nicht einfach nur ein Moment der Aussetzung von Handlungen und der Verlangsamung der Rhythmen – der Wirtschaft, der Arbeit, der Reisen, des Unterrichts, des Lebens. Sie ist auch und vor allem ein Moment äußerster Beschleunigung der Praktiken, die bereits deutlich langsamer im Gange waren. Wir erfahren die Verallgemeinerung der Telearbeit, die Verschiebung der Personen aus den Stadtzentren, wo sie arbeiten, in die Wohngebiete außerhalb der Städte, das Leben vor den Bildschirmen, das Eindringen der Arbeitshierarchien in den Wohnraum, der bisher vor allem privat und sogar intim war.  Diese plötzlichen und massiven, und daher brutalen Veränderungen werden unvermeidbar durch die restriktiven Maßnahmen, die in den verschiedensten Ländern angewendet werden. Es ist deshalb nicht überraschend, dass die internationalen Finanzmärkte fortlaufende Gewinne verzeichnen: Sie tun nichts anderes, als der Expansion vorzugreifen, die von dieser neuen, höchst technologisierten Welt ausgeht, die individuelle und kollektive Gewohnheiten verändert und dabei neue Notwendigkeiten produziert, die durch die Wirtschaft befriedigt werden müssen. Zur gleichen Zeit erfahren die Verhältnisse jedes Einzelnen in Beziehung zu den anderen und zu sich selbst Veränderungen. Wir spüren eine allgemeine Verletzlichkeit, weil wir alle von der Krankheit „betroffen” werden können. Sie ist ein „unsichtbarer Feind” und scheint „heimtückisch”. Wir wissen nicht, ob sie die „Unsrigen” bereits „angegriffen” hat oder ob wir bereits zur „Masse der infizierten Personen” gehören.  In dieser Situation, wissen wir nicht, ob wir „Schutz benötigen”. Ohne dass wir sicher sind, wann wir aus dieser Situation entkommen, lassen uns die angenommen Gewohnheiten denken, dass wir nicht so schnell zu dem zurückkehren, was wir waren, weder in unseren Verhältnissen zu den anderen Personen, noch zu uns selbst. Auch hier, auf einer anthropologischen Ebene, bewirkt die Pandemie mehr als nur die Rhythmen zu verlangsamen: sie produziert Lebensweisen - distanziert, misstrauisch, zurückhaltend -, die sich bis jetzt, in diesem Ausmaß, nicht in unseren Gesellschaften durchgesetzt hatten. 

Über Wirkungen der Corona-Krise auf  Verhalten und Emotionen
Gunter Gebauer

Als Reaktion auf die Corona-Krise sind eine Reihe tiefgreifender Veränderungen im Verhalten der deutschen Bürger entstanden. Sie treten als Hemmungen von Bewegungen,  Meidung von Kontakt, Zurückweisung von Nähe und Beobachtung anderer Personen in Erscheinung. Auf diese Weise ist eine neue Fremdheitserfahrung entstanden. Die körperlichen Gefühle in Interaktionen sind von Unsicherheit und Misstrauen geprägt. Als Folge lässt sich ein Rückzug in die Intimität der eigenen Person beobachten. Philosophisch kann man sie mit einem Ausdruck von Hannah Arendt als „Weltlosigkeit“ bezeichnen. Anthropologisch ist sie mit Pierre Bourdieus Habitus-Begriff gut zu beschreiben: Die Verhaltensänderungen werden von Eingriffen in den Habitus hervorgerufen; sie werden unmittelbar körperlich wirksam und modifizieren das Selbst-Gefühl.

In der ersten Phase der Pandemie-Maßnahmen, von April bis August, wurden die Regulierungen des Verhaltens und öffentlichen Lebens von den Bürgern in Deutschland bereitwillig verinnerlicht. Ab September begannen immer offensiver auftretende Gruppen dagegen zu rebellieren. Wie lässt sich dieser Widerstand anthropologisch beschreiben? Worin unterscheiden sich die Protestierer von der Mehrheit der Bevölkerung?