PANDEMIE UND APOKALYPSE
15. November  17:45 - 18:30

Pandemie und Apokalypse
António de Castro Caeiro

Was die Pandemie bringt, ist nicht allein die Krankheit, verbreitet durch das Gift des Virus. Die Pandemie gibt zu denken. Sie zeigt, wie es um uns steht, wie wir sind und wie wir waren. Sie streut den Zweifel darüber, wie unsere Zukunft aussehen wird. Was auch immer dem Menschen geschieht, es ist nie auf eine plausible wissenschaftliche Antwort reduzierbar. Die gegenwärtige Situation öffnet uns eine Dimension, in der die gefühlte Dringlichkeit einen großen Druck ausübt. Der Anstieg der Gewalt in der Pandemie ist beispiellos. Was die Pandemie erwirkt, ist die Enthüllung der völligen Preisgabe der Menschheit gegenüber Krankheit und Tod. Die Diagnose der konkreten Situation, in der sich jede und jeder von uns befindet, erschöpft sich nie in der gegenwärtigen Überprüfung der Symptome. Die Diagnose erfolgt in allen menschlichen Aktivitäten immer im Hinblick auf eine Prognose. Die Pandemie gibt nicht auf abstrakte, sondern auch auf konkrete Weise zu denken, nicht allein in der Gegenwart, sondern ebenso in Bezug auf die Vergangenheit, wie wir leben und wie wir das Leben gelebt haben. Sie gibt uns die Möglichkeit, die Art und Weise wie wir sind, zu überdenken, das Leben in seiner Gesamtheit zu leben, die Zukunft vorherzusehen, versuchen zu wissen, wie es sein wird. Durch eine umfassende Bewertung, zu der wir gezwungen werden, aus dem Innern unseres Selbst und in der Wirklichkeit, die sich als so problematisch erweist, kann sich eine Prognose eröffnen, eine Prognose, die nicht einfach eine Krankheit mit pandemischem Ausmaß heilt, sondern die auch die Chance birgt für eine grundlegend neue Lebensweise birgt.

Cristina Viano
 

«No man is an island entire of itself; every man  is a piece of the continent, a part of the main»

John Donne, MEDITATION XVII Devotions upon Emergent Occasions

In seinem schönen Text assoziiert António de Castro Caeiro die Pandemie mit der Apokalypse nicht nur im direkten biblischen Sinn als „Ende der Welt“, als planetarische Katastrophe, sondern auch, und vor allem, im eigentlichen Sinn des griechischen Begriffs als „Offenbarung“, die das Individuum in seiner vorübergehenden und temporalen Dimension mit ganzer Kraft trifft. Caeiro zeigt deutlich, wie die gegenwärtige Situation, gefährlich und ohnegleichen, eine historische Verankerung im Lebensfluss darstellt, der das Individuum dazu bringt über seine Vergangenheit nachzudenken und sich in die Zukunft zu projizieren, Mittel und Wege verbindend, um sich an ein neues (Über-)Leben anzupassen. Ein grundlegender Aspekt der Pandemie ist ihre gemeinschaftliche und beziehungsübergreifende Dimension: In der Tat bedeutet der griechische Begriff „eine menschliche Gemeinschaft als ein Ganzes“. Um die berühmten und erhellenden Seiten von Thukydides über die Attische Seuche im V. Jahrhundert v. Chr. wieder aufzunehmen, möchte ich mit meinem Gesprächspartner drei Aspekte diskutieren, mit der die neue Menschheit sich auseinanderzusetzen hat: die menschlichen Beziehungen, die Untersuchung und die Entdeckung der Ursachen und die Fähigkeit der praktischen Intelligenz, die erlernten Grundsätze an die gegenwärtigen Umstände anzupassen.