ROBIN CELIKATES und HOURYA BENTOUHAMI
14. November  16:15 - 17:00

Solidarität in der Krise
Robin Celikates

Die COVID-19-Pandemie führt in aller Krassheit vor Augen, wie ungleich Prekarität und Vulnerabilität in unseren Gesellschaften verteilt sind. Die als „systemrelevant“ beklatschte Arbeit ist noch immer radikal unterbezahlt, extrem prekär und überwiegend migrantisch. Die katastrophale Wirkung des Corona-Virus gerade auf sowieso schon marginalisierte, ausgebeutete und unterdrückte Gruppen, wie migrantische Communities, zeigt sich in sogar noch zugespitzter Weise im Fall von Geflüchteten und Flüchtenden, vor allem an der Grenze, in einer durch die Grenze intensivierten Form. Grenzen strukturieren, wie wir die Welt wahrnehmen, wer und wessen Leben zählt, wer und wessen Geschichte erzählt wird. Obwohl oder vielleicht gerade weil sie historisch kontingent, meist sehr jungen Datums, Teil einer blutigen Geschichte und wesentlich für die Aufrechterhaltung massiver Privilegien sind, werden Grenzen naturalisiert, als unhintergehbarer Teil der Wirklichkeit erfahren und spielen für die Identität eine konstitutive Rolle. Zugleich ist die Grenze immer auch ein Feld von Kämpfen, ein Ort des Konflikts, der Kontestation und der Aushandlung. Letztendlich konfrontieren uns diese Kämpfe in Zeiten der Pandemie noch schärfer als sonst mit einer Wahl: zwischen der Barbarei der Abschottung und der Entwicklung neuer transnationaler Formen der Solidarität. Aber wie steht es um deren Reichweite, Dauerhaftigkeit und Durchschlagskraft?

Die unmögliche Konstituierung der Europäischen Gemeinschaft
Hourya Bentouhami

Um die aktuelle politische Situation in Europa im Zusammenhang mit der Pandemie zu analysieren, hebt Robin Celikates die unmögliche Konstituierung der Europäischen Gemeinschaft hervor, deren Mitglieder unter diesen Bedingungen ihre nationale Gestalt widerherzustellen beginnen, um sich vor einer Gefahr zu schützen, die sie an das Äußere ihrer selbst, ihres Lebensstils, auch in seiner einfachsten und nacktesten Form, verweist.  Nun aber scheint der Virus die eigentliche Tatsache der Zerstörung der Lebensräume und Lebensarten zu sein, der Abholzungen in diesem so familiären Irgendwo, ehemalige Kolonialländer, Gebiete zum Spiel und zur Extraktion der Gewinne an entfernten Orten, die immer gefährlicher wurden, auch wenn sie notwendig sind, um den unerträglichen Stil des europäischen Lebens zu tragen. Wie kann Europa, gegründet auf die nationale Gestalt, sich als ein Ort der der Immunität konstituieren, als eine Art heiliger Raum, wo das Leben auf Kosten des “Äußeren” bewahrt werden muss, obwohl diese in Wahrheit Innenräume sind, die hart von der Pandemie und von einer lebenszerstörerischen Politik getroffenen werden? Wie kann eine Politik, die Bewahrung und Wertschätzung des Lebens zum eigentlichen Ziel hat, zu einer Politik werden, die Krankheit und den Tod nicht nur zur Ursache, sondern auch als Bedingung hat?