RAHEL JAEGGI und ESTELLE FERRARESE
14. November 15:30 - 16:15

Eine Lebensart auf dem Prüfstand?
Rahel Jaeggi 

Die Corona-Krise ist die Krise einer (unserer kapitalistisch geprägten) Lebensform, oder sie kann zu einer solchen werden. Es ist wie häufig bei Krisen: Diese können zunächst von außen kommen, von etwas ausgelöst sein, das nicht in unserer Handlungsmacht als Gesellschaft, liegt. Sie können unverfügbar sein, unerwartet und von außen auf uns zukommen, wie das Auftreten eines neuartigen Virus. Aber nicht nur wird erst zu sehen sein, ob das vermehrte Auftreten von solchen Viren etwas mit der Verschiebung ökologischer Gleichgewichte zu tun hat. Auch solche (auf den ersten Blick) Naturereignisse können zu Krisen einer ganzen sozialen Lebensform werden, indem sie deren latente Probleme sichtbar machen. Es handelt sich um Krisen zweiter Ordnung, Krisen im Umgang mit Krisen. Und diese sind selbstgemacht in dem Sinne, dass sie nicht nur unsere soziale Ordnung betreffen, sondern durch diese selbst hervorgebracht sind. Die Frage, wie wir leben, wie unsere gesellschaftlichen Strukturen verfasst sind, ist hier entscheidend.

Solidarität gegenüber Verantwortung
Estelle Ferrarese 

Die politischen und medizinischen Diskurse, ebenso wie die Maßnahmen, die durch das Notstandsdekret ergriffen wurden, bestimmen die Gestaltung der Welt Sie bestimmten sogar ihr Fortbestehen und, zumindest was die Menschheit betrifft,  die individuelle, segmentierte Verantwortung jedes Einzelnen. Diese Verantwortung, die sich vor allem in Enthaltung oder selbst Enthaltsamkeit ausdrückt – ich beschränke meine Atmung, meine Bewegung, meine Begegnung mit den Anderen – wirkt so, als seine die individuellen Verhaltensweisen kausal für die Entwicklung der Pandemie. Verantwortung bedeutet hier vor allem und an erster Stelle Zurechnungsfähigkeit. Auf diese Weise führt die Nachverfolgung der Verursacher der Verbreitung der Epidemie zu deren Anklage und/oder zu deren Freisprechung durch den Staat. Gegenüber dem Ansatz, in der gegenwärtigen Krise die individuelle Verantwortung ins Zentrum zu stellen, erscheint die Rückkehr zur alten Idee der Solidarität ein besonders vielversprechender Weg.