ALEXEI GRINBAUM und ARMIN GRUNWALD
15. November  16:00 - 16:45

Digitale Erfassung: dafür oder dagegen?
Alexei Grinbaum

Indem die Politik, zum Schutz der Gesundheit der Bürger, auf die Entwicklung unserer Smartphones beharrt, marschiert sie in die digitale Stadt ein. Im antiken Griechenland forderte ein berühmter Politiker den persischen Eindringling heraus: Molon labe, „Komm und nehme!”. Der Virus hat auf die Herausforderung geantwortet, aber wo befinden sich unsere ethischen Thermophilen?
 

Während der letzten Pestepidemie in Marseille in Jahr 1720, benutzte man die besten verfügbaren technischen Mittel der Epoche, die Flinten, um auf diejenigen Personen zu schießen, die versuchten aus der roten Zone zu entkommen. Gegenwärtig besitzen wir andere Mittel um die Bewegungen zu überwachen. Die Debatte über die digitale Erfassung mittels  Smartphones erregt die Gemüter. Sollen wir auf diese Methode zurückgreifen? Wenn ja, unter welchen Bedingungen? Wird sie dazu dienen, die Pandemie einzudämmen?

Digitale Erfassung von Covid-19-Kontakten
Armin Grunwald

Man kann darüber streiten, ob die digitale Erfassung von Covid-19-Kontakten ethisch verantwortlich und zielführend ist. Unter strenger demokratischer Kontrolle halte ich es für legitim, den Datenschutz zeitlich befristet gegenüber dem Ziel der Gesundheit zurückzustellen. Die politische Einführung der Warn-Apps war jedoch weniger von einer sorgfältigen Abwägung von Argumenten gekennzeichnet, sondern von einer pauschalen Begeisterung über die digitalen Möglichkeiten. Darin zeigt sich ein in modernen Gesellschaften verbreiteter Reflex, in Notsituationen, insbesondere solchen mit hoher Unsicherheit, nach technischen Lösungen zu rufen. Diese wirken offenbar beruhigend und versprechen Sicherheit. Jedoch ist diese Technikgläubigkeit in der Covid-19 Pandemie genauso wie in vielen früheren ähnlichen Situationen gescheitert. Empirisch ist die Situation deprimierend: im Sommer wurden die Apps in Deutschland und Frankreich mit großen Hoffnungen eingeführt, seit dem Herbst steigen die Infektionszahlen jedoch dramatisch an. Es zeigt sich, dass naive Technikgläubigkeit in der Pandemie genauso wenig hilft wie in der Lösung anderer Probleme. Immer kommt es auf das Zusammenwirken von Technik und Menschen an. Letztere sind der entscheidende Faktor. Digitale Technik ist keine Erlösung aus der Pandemie, sondern nur ein Baustein unter vielen, vermutlich sogar ein eher kleiner.