PANDEMISCHE KRISE

Die Krise, die wir heute erfahren, ist ein Symptom. Die Krankheitsgeschichte zeigt uns, dass diese Krise tiefere ökologische, gesellschaftliche und politische Ursachen hat. Die Diagnose: Wenn wir morgen noch so leben, wie wir gestern gelebt haben, wird es neue Pandemien oder andere globale Risiken geben. Die radikale Veränderung unserer Lebensweise könnte ein Heilmittel sein. Aber wie?

Alte Fragen werden derzeit neu gestellt. Aber die Antworten müssen andere sein: Wer bin ich und wer möchte ich sein? Wo ist mein Ort, in meiner Gemeinschaft, in meiner Stadt, in meinem Land, in der Welt? In welcher Gesellschaft lebe ich und wohin entwickelt sie sich? Wieviel Freiheit kann / muss ich aus Solidarität aufgeben? Wieviel, kann ich aus Solidarität entbehren? Wie viele Rechte können zugunsten von Sicherheit eingeschränkt werden? Wer ist geschützt, “immunisiert”, und wer ist verletzlich, unsichtbar, verlassen? Welche Werte müssen gefördert werden, welche sind vernachlässigbar? Wie lebe ich, und wie will ich leben?

Diese Fragen werden in Filo-Lisboa in acht Gesprächen zwischen portugiesischen, deutschen und französischen Philosophinnen und Philosophen diskutiert. Es sind Fragen, die uns alle dazu auffordern, darüber nachzudenken, welche Rolle jeder Einzelne von uns bei der Gestaltung künftiger Gesellschaften und damit einer Welt einnehmen können, die sich wesentlich von der bisherigen unterscheidet.

Die Pandemiekrise ist aus einer multidimensionalen Konstellation miteinander verbundener Krisen entstanden, die Gegenstand dieser Gespräche sein werden: die ökologische Krise, die des Sozialstaats und des öffentlichen Gesundheitssystems, die politisch-rechtliche und die ökonomische Krise, die Umbrüche auf dem Arbeitsmarkt, die sozialen Herausforderungen und die Krise der Solidarität.

Inspiriert vom bekannten öffentlichen Briefwechsel „Warum Krieg?“ zwischen Albert Einstein und Sigmund Freud, der 1932 vom Völkerbund gefördert wurde, haben wir acht einflussreichen Denker*innen unserer Zeit den Vorschlag gemacht, einen Gast ihrer Wahl zu einem offenen Gespräch und Austausch zu diesen Themen einzuladen.
 
Durch die begleitende Ausschreibung des Preises Filo-Lisboa kann sich das Publikum an diesem Nachdenken intensiv beteiligten.

Einige der unten vorgestellten Aspekte der pandemischen Krise werden von den Teilnehmenden der Dialoge diskutiert. Andere sollen als thematische Anregung für den Preis Filo-Lisboa fugieren.


​​
SOZIALE KRISE

Verwundbarkeit, Diskriminierung, Unsichtbarkeit. Der unsichtbare Virus scheint sich bevorzugt die Unsichtbaren der Gesellschaft auszuwählen. Besitzen die Opfer der Pandemie eine gesellschaftliche Klasse, eine Hautfarbe, ein Alter, ein Geschlecht? In Europa traf es vor allem die Älteren, die bereits krank waren, aber auch die Obdachlosen und die Flüchtlinge. Von der Zunahme häuslicher Gewalt, von Arbeitslosigkeit, von der Arbeit an vorderster Front im Gesundheitswesen waren vor allem Frauen betroffen.  In vielen ärmeren Ländern und in Konfliktgebieten, dezimiert der Virus die bedürftige Bevölkerung, die sich nicht isolieren kann und keinen Zugang zu medizinischer Versorgung hat. Überall, wo versucht wird die “Schuldigen” zu finden, wird schnell auf diejenigen gezeigt, die aus “der Fremde” kommen und den Virus mit sich bringen. Wie lässt sich vor diesem Hintergrund eine Gemeinschaft wiederherstellen, die wirklich kosmopolitisch ist? ​


KRISE DER SOLIDARITÄT

Die Solidarität hat gesellschaftliche, politische und rechtlichen Dimensionen. In ihrer gesellschaftlichen Dimension, zeigt sich Solidarität in der gegenseitigen, alltäglichen Hilfe zwischen den Nachbarn, Verwandten und Freunden, aber auch zwischen einander völlig Unbekannten. Während es für die gesellschaftliche Solidarität in der Pandemie gute Beispiele gab, zeigten die politische und rechtliche Solidarität ihre Schwächen. Medikament, Schutzkleidung und Impfungen – die globale, öffentliche Güter sein sollten – wurden umkämpft, wie jede andere “Marktware”. In diesem Konflikt verstärkten sich nationalistische, populistische, fremdenfeindliche Tendenzen. Wie lässt sich Solidarität so wiederherstellen, dass die internationale Gemeinschaft befähigt wird, gemeinsame Antworten auf globale Bedrohungen wie diese zu geben?


KRISE DES STAATS UND DER ÖFFENTLICHEN GESUNDHEITSPFLEGE

Der Abbau staatlicher Leistungen und die Reformbedürftigkeit der öffentlichen Gesundheitssystems sind für viele der Hauptgrund für die durch die Pandemie ausgelöste Krise. Der Staat galt lange als wenig effizient gegenüber einem Markt, der die Fähigkeit besitzt, alles zu regulieren. Aber der Markt geriet in der Pandemie in eine Krise. Es gibt viele, die ein größeres Eingreifen des Staates und eine Stärkung des Sozialstaates  fordern, während andere, neben dem Schutz öffentlicher Güter und der grundlegenden Dienste – darunter die Gesundheitspflege –, ein weniger zentralisiertes Modell, sondern vielmehr die Erfindung neuer Formen der Gemeinschaft zum Schutz dieser Güter (“des Gemeinsamen”) fordern. Welchen Staat wollen wir? Welches Modell dient dem Schutz der Gesundheit?


ÖKONOMISCHE KRISE

Bruno Latour erinnert uns daran, dass gesagt wurde, es wäre unmöglich, die Produktion und den Warenverkehr zu unterbrechen. Doch der Virus hat Fabriken und Flugzeuge lahmgelegt. Während einige auf die altbewährten Wirtschaftsmodelle setzen, fordern, andere ein Überdenken grundlegender Prämissen der Produktion, des Konsums und der Auswahl derjenigen, die Subventionen und Finanzierungen erhalten. Wie kann diese Veränderung verwirklicht werden? Welche Rolle soll die Wirtschaft in der Gesellschaft übernehmen? Wie kann Wirtschaft demokratisch kontrolliert werden?


DIE KRISE DER ARBEIT

Arbeitslosigkeit, Prekarität, Armut. Einige Experten gehen davon aus, dass die Pandemie durch Einschränkungen des öffentlichen Lebens zu Arbeitslosigkeit und Prekarität geführt hätte. Andere denken, wie Supiot, dass vielmehr die Pandemie einen „Realitätsschock“ ausgelöst habe. War der Sozialstaat in den Industrieländern nicht fähig auf die Krise zu antworten, weil seine Grundpfeiler bereits geschwächt waren? Was muss in den Bereichen Arbeitsrecht, Grundsicherung, Verteilungsgerechtigkeit getan werden, damit Menschen in Situationen wie die der pandemischen Krise abgesichert sind?


POLITISCH-RECHTLICHE KRISE

Notstand, Grundrechte, Datenschutz. Giorgio Agamben hat die Tendenz zu Freiheitsbeschränkung und zum Ausnahmezustand als Paradigma von Regierungen benannt. Die Verarbeitung und Verwertung von Informationen erreicht derzeit eine nahezu unbegrenzte Dimension: Alle Lebensäußerungen, Gesichtsausdrücke, wohin wir gehen, was wir konsumieren, alles kann durch eine “App” kontrolliert werden. Souveränität im klassischen Sinn, wurde durch die Kontrolle der Grenzen und über den territorialen Raum ausgeübt. In der heutigen Zeit geschieht sie durch die Kontrolle der BIG DATA und in einem virtuellen Raum, der keine Grenzen kennt. Wie können wir unsere Privatsphäre schützen, wie unsere Grundrechte bewahren?


ÖKOLOGISCHE KRISE

Der Virus des Anthropozäns? Für einige ist die derzeitige Pandemie vergleichbar mit früheren Pandemien. Für andere ist es ein Ereignis des Anthropozäns. Wurde die Pandemie durch Eingriffe des Menschen in die Umwelt begünstigt? Durch die industrielle Züchtung von Tieren, die Vernichtung von Ökosystemen und Wildarten, die Stärkung der Bakterien durch den Konsum von Antibiotika, zur Mast und zur Vorbeugung von Infektionen bei Tieren, durch die Klimaveränderungen, die tropische Arten, die Krankheitserreger übertragen, dazu bringen einen geeigneten Lebensraum in gemäßigten Regionen zu finden, usw.? Zeigt uns die Natur, die wir zerstören, die Rechnung”. Wie könnte eine andere nachhaltigere und regenerative Beziehung zur Natur aussehen?


KUNST IN DER PANDEMIE, PANDEMIE IN DER KUNST

Verschiedene literarische Werke haben in der Vergangenheit Gefühle und Lebensweisen vor dem Hintergrund von Pandemien beschrieben oder  den politischen Umgang mit Pandemien kritisiert. Darunter sind die Ilias von Homer, Das Dekameron von Giovanni Boccaccio, Der letzte Mensch (1826) von Mary Shelley, die Erzählung Die Maske des roten Todes (1842) von Edgar Alan Poe, Die Pest (1942) von Albert Camus, die Trilogie Die große Stille (2015, 2016, 2017) von N. K. Jemisin, Terra Nullius (2018) von Claire G. Coleman und die Erzählung Inventory (2017) von Carmen Maria Machado. Welche Kunst – Literatur, Kino, Cartoon, Photographie, Malerei, Skulptur und selbst Architektur – wird die gegenwärtige Pandemie hervorbringen?


 

Soraya Nour Sckell, Curadora Científica
 

Cosmopolitanism: Justice, Democracy and Citizenship without Borders

FCT - Fundação para a Ciência e a Tecnologia, I.P, Portugal

PTDC/FER-FIL/30686/2017

CFUL - Centre of Philosophy, University of Lisbon

CEDIS NOVA School of Law