JULIAN NIDA-RÜMELIN und SERGE TISSERON
15. November  15:15 - 16:00

Risikoethische und politische Aspekte in der Corona-Krise
Julian Nida-Rümelin

Risiko gehört zum Leben. An das, was man „allgemeine Lebensrisiken“ nennt, haben wir uns gewöhnt. Sie werden allenfalls durch individuelles Verhalten, aber nur selten durch staatliche Eingriffe beeinflusst. Neue Risiken, wie etwa die aktuelle Corona-Pandemie, stellen dagegen Staat und Gesellschaft vor große Herausforderungen, die nur bewältigt werden können, wenn sie sich an einer rationalen, ethisch und juridisch zulässigen Risikopraxis orientieren. Der Referent wird eine Brücke schlagen zwischen philosophischer Ethik, Recht, Wirtschaft und Politik, um in der Krise Orientierung zu geben.

Grundlegende ethische Fragen
Serge Tisseron

Die COVID-19-Pandemie brachte grundlegende ethische Fragen ins Zentrum des Mediengeschehens, insbesondere durch seine Implikationen für das Primat der Gesundheit und das angestrebte Gleichgewicht von Sicherheit und Freiheit. Aber sie war auch für viele ein traumatischer Schock, so dass sie heute auch eine psychologische Krise darstellt. Trauma ist ein Phänomen der psychischen Aggression und der Überlastung seiner Abwehr durch eine Lebensbedrohung oder die Bedrohung der physischen oder psychologischen Integrität.  In Wahrheit hat diese Pandemie auf eine brutale Weise wie nie zuvor verschiedene Ängste miteinander verbunden: Die Angst vor dem physischen Tod, der gesellschaftliche Tod, der psychische Tod und sogar die Angst vor der Auslöschung der menschlichen Spezies, angetrieben durch einige „Kollaps-Propheten“. Diese Ängste wurden auch durch die Unfähigkeit der Regierung verschärft, die massiv die Wichtigkeit sozialer Bindungen für die geistige Gesundheit ignoriert hat. Dies hat Folgen für die drei Pfeiler der Identität jedes Einzelnen: die Selbstachtung, die Gewissheit zu lieben und geliebt zu werden und die Fähigkeit sich in der eigenen Gemeinschaft anerkannt und  integriert zu fühlen. Die daraus resultierende posttraumatische Belastungsstörung hat zu einem erheblichen Anstieg des Verbrauchs von Anxiolytika und Antidepressiva geführt. Sie hat auch verschiedene Formen der Verleugnung verursacht. Mit diesen gehen wir heute um, in einer Zeit, in der es wichtiger ist denn je, der zweiten COVID-Welle mit einer größeren Klarheit entgegenzutreten, um sich den von ihr aufgeworfenen prinzipiellen ethischen Fragen zu stellen.